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Reformprozess KirchGemeindePlus

Anstoss zum Reformprozess gab ein synodales Postulat im Jahr 2012, interessierte Medien und eine verkürzte Wiedergabe weniger Zahlen. Zunächst entstand viel Missverständnis, Unverständnis und Widerstand. Was daraus Konstruktives entwickelt wurde, wird hier kurz skizziert.

Die Herausforderung

Die reformierte Kirche im Kanton Zürich ist ihrem Selbstverständnis «Volkskirche». Als solche leistet sie «ihren Dienst in der Offenheit gegenüber der ganzen Gesellschaft». Sie «ist den Menschen nah und spricht sie in ihrer Vielfalt an».

Dieser Idealität, wie sie Artikel 5 der Kirchenordnung zeichnet, steht eine komplexere Realität gegenüber. Einerseits ist die Kirche den Menschen tatsächlich nah, wie ihre eindrücklichen Leistungen in der Bildung, im Sozialen und in der Kultur belegen: Rund eine Million Menschen nutzen jedes Jahr Aktivitäten in diesen Bereichen. Dazu kommen rund 200'000 Seelsorgegespräche. Freiwillige leisten jährlich gegen eine Million Einsatzstunden. Diese Leistungen sind auch aus Sicht des Staates von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung, und werden deshalb von ihm unterstützt.

Anderseits schrumpft die Mitgliederanzahl der reformierten Kirche durch Austritte und Abdankungen, denen weniger Eintritte gegenüber stehen: Als 1967 die vorherige Kirchenordnung in Kraft trat, umfasste die Landeskirche Zürich mit rund 625'000 Mitgliedern fast 70% der Bevölkerung des Kantons Zürich. 2010, bei der Inkraftsetzung der heutigen Kirchenordnung, machten die 475'000 Mitglieder nur noch einen Anteil von rund 35% der kantonalen Bevölkerung aus. 2024 bilden voraussichtlich 410'000 Reformierte einen Bevölkerungsanteil von noch 25%. Und die heutigen Mitglieder weisen bestimmte Merkmale auf: Eine Studie, die 2011 für die Landeskirche durchgeführt wurde, teilt Personen als jeweils zugehörig zu einem von zehn lebensweltlichen Milieus ein. Die Studie zeigt, dass die reformierte Kirche im Kanton Zürich nur noch zwei bis drei Milieus anspricht. Auch ist das Durchschnittsalter der reformierten Bevölkerung höher als das der Gesamtgesellschaft; 25% der Mitglieder sind 65-jährig oder älter.

Erstens einen trägt die demographische Entwicklung zu diesem Schrumpfungsphänomen bei, etwas, das hinzunehmen ist. Zweitens wird es mit verursacht durch Megatrends wie Individualisierung, religiöse Pluralisierung und Zunahme von Konfessionslosen. Auch sinkt mit der Iindividualisierung generell die Bereitschaft, sich für Kirche oder andere Institutionen und Organisationen zu engagieren.

Der Mitgliederverlust ist für die reformierte Kirche nicht zuletzt aufgrund ihres Selbstverständnisses herausfordernd: Als "Volkskirche" ist es eine Provokation, wenn ihr die Menschen davonlaufen. Es provoziert, zu handeln, orientiert beispielsweise an Fragen, wie sie etwa die NZZ im Kommentar "Kirche ist keine Dienstleistung" (22.9.2012) angesprochen hat: «Wie können die Reformierten in einer von religiöser Gleichgültigkeit geprägten Gesellschaft spirituelle Akzente setzen? Wie können sie ihre Position als moralische Instanz in gesellschaftlichen und politischen Debatten vertreten? Kann die reformierte Kirche Volkskirche sein, wenn sie nur noch eine Minderheit der Bevölkerung direkt erreicht?»

Der Anstoss

Kurt Stäheli aus dem Weinland reichte in 2012 ein synodales Postulat ein: Ausgehend von der Beobachtung, dass in der heutigen Zeit vor allem kleine Kirchgemeinden an ihre Belastungs- und Entwicklungsgrenzen stossen, fragte er nach entlastenden organisatorischen Möglichkeiten übergemeindlichen Zusammenwirkens.

Der Kirchenrat antwortete grundsätzlicher: «Die Grösse einer Kirchgemeinde wird dadurch bestimmt, dass sie in der Lage ist, Raum für ein reiches und attraktives Gemeindeleben zu bieten. Das Pfarramt und der weitere Stab der Mitarbeitenden verfügen deshalb über entsprechend vielfältige, sich ergänzende Kompetenzen.»

Als Richtgrösse sah der Kirchenrat eine Kirchgemeinde von 5'000 bis 7'000 Mitgliedern, die in diesem Sinn das Gemeindeleben optimal entfalten und verstärken kann. Der Kirchenrat verknüpfte damit die Überzeugung: «Leitziel aller Massnahmen muss sein, in ermutigender Weise Freiräume für zukunftsgerichtete Projekte zu eröffnen und die Zuversicht unter den Verantwortlichen, den Behörden sowie den beruflich und freiwillig Mitarbeitenden zu stärken.»

Daraus entstand der Reformprozess als Anstoss zur Veränderung, die weit mehr sein soll als rein organisatorischer Natur.

Die Chance

Grundlegend wird sein, dass die Menschen sich nicht mehr einfach mit «Angeboten erreichen» lassen möchten, sondern dass sie selbst bestimmen, woran sie sich beteiligen wollen. Das wichtigste Werkzeug dazu heisst «Dialog»: Dadurch kann gemeinsam entwickelt werden, was noch nicht ist: Kirche in neue Formen von Vergemeinschaftung zu giessen.

Ziele des Prozesses

Ekklesiologisches

Kirchenratspräsident Michel Müller zu den Ekklesiologische Überlegungen (pdf) bezüglich des Reformprozesses.

Zielbild

Das inhaltliche Zielbild, formuliert vom Kirchenrat Daniel Reuter anlässlich der Kirchensynode vom 10. Januar 2017, ist ausführlich hier nachzulesen. Das Folgende gibt einen Überblick:

 

Gestaltungsprinzipien

Prinzip Selbstorganisation

Der Reformprozess wird zwar vom Kirchenrat verantwortet und geleitet, geschieht aber letztlich in gemeindlicher und regionaler Selbstorganisation. Das bedeutet: Kirchgemeinden erhalten Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie im Dialog miteinander unterschiedliche Phasen durchschreiten. Die Agenda entsteht durch die Beteiligten.

Prinzip Verantwortung

Aus dem Prinzip der Selbstorganisation folgt für alle Beteiligten, dass sie verantwortlich im Denken und im Handeln sind. Wer beispielsweise den Mangel an Themen beklagt, zielt auf sich selbst. Ebenfalls selbstverantwortlich ist dabei zu unterscheiden, ob die eigenen Beiträge von persönlichem Interesse geprägt, ob sie von gemeindlicher Bedeutung oder von gesamtkirchlicher Dimension sind.

Prinzip Offenheit

Das Ergebnis eines Prozesses ist unbekannt. Die Resultate aus den zahlreichen Gesprächen sind weder absehbar noch in Umfang oder Qualität planbar. Kirche und Kirchgemeinde im Blick auf Identität, Tradition, Perspektiven und Vernetzung neu zu denken, erfordert eine Offenheit aller.

Prinzip Unverfügbarkeit

Die Ergebnisse des Reformprozesses im Kanton Zürich werden aus lokal und regional unterschiedlich verlaufenden Prozessen entstammen. Da niemand die Ergebnisse vorab kennt, kann niemand vorab darüber verfügen. Positiv gesprochen bilden alle zusammen eine gesamthafte Eigentümerschaft über den gesamten Reformprozess.