Kreativ umgenutzt: Bistro ufem Chilehügel

„Kaffee und Kuchen servieren – das könnten wir selbst. Aber: Ist das die beste Lösung?“ fragte sich die ref. Kirchgemeinde Altstetten.

Das Altstettener Bistro ufem Chilehügel

Wie aus einem Gemeindezentrum ein Café entsteht, wie der laufende Betrieb organisiert wird und welche Hoffnungen und Wünsche damit verbunden sind – das erzählen Felix Schmid, Pfarrer, und Tobias Stutz, Co-Betriebsleiter.

Pfarrer Felix Schmid und Co-Betriebsleiter Tobias Stutz

Im Jahr 2010 plante die reformierte Kirchgemeinde Altstetten die Totalsanierung ihres Gemeindezentrums. Dabei wollte sie in der ehemaligen Sigristenwohnung ein Bistro einrichten, direkt gegenüber der Kirche, nahe der Einkaufsmeile. Ziel war es, den Chilehügel stärker zu beleben. Für ein Selbstbedienungs-Café, nicht zu reden von einem dauerhaften Bistro-Betrieb allerdings fehlte der Kirchgemeinde das Personal. Deshalb suchte und fand sie mit dem örtlichen Christuszentrum einen Partner, eine sozialtherapeutische Institution mit Arbeitsplätzen für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Im Gespräch erzählen Co-Betriebsleiter des Bistros Tobias Stutz und Pfarrer Felix Schmid über die seit 2012 praktizierte Zusammenarbeit.

Felix Schmid: „Um aus einer Wohnung ein Bistro zu machen, musste einiges umgebaut werden. Beispielsweise brauchte es neben Toiletten und Garderoben für die Gäste auch solche für  Angestellte. Die Küche wurde auf Profi-Niveau ausgebaut. Jedoch: Manches ist gegeben. Die Besonderheit, dass die Küche zwei Stockwerke tiefer am anderen Ende des Gebäudes liegt, prägt bis heute die Speisekarte.“

Angebot, Preise und Kosten

Mittagsmenü vom 16. Juli 2019

Tobias Stutz: „Wir bieten deshalb kein à la carte-Menü an. Drei Minuten Weg, um die Speisen zum Gast zu transportieren, ist einfach zu lang. Wir beschränken uns auf zwei Mittagsmenüs. Lange haben wir diese vormittags in der Küche vorbereitet und dann mittags hinter den Tresen fertig zubereitet. Heutzutage geht das mit Steamern sehr gut. Seit Anfang 2018 beziehen wir die Menüs von der Hauptküche des Christuszentrums um die Ecke. So sparen wir Miet- und Personalkosten bei gleicher Qualität.“

Felix Schmid: „A propos Qualität: Essen, Getränke und das Ambiente müssen überzeugen, denn in der Nähe hat es viele Alternativen. Die Konsumationspreise sind marktüblich. Das Christuszentrum zahlt eine Raummiete an die Kirchgemeinde. Wenn wir Anlässe hier haben, z.B. das Chilecafé am Sonntag oder Sitzungen, mieten wir die Räume zwar nicht zurück. Aber wir konsumieren vom Bistro und zahlen dafür. Bisher läuft das Bistro defizitär; an den Betriebskosten beteiligt sich die Kirchgemeinde hälftig. Wir verringern nun den Verlust von Jahr zu Jahr.“

Tobias Stutz: „Ja. Wie alle Gastro-Betriebe schauen wir stets auf die Balance zwischen Aufwand und schmackhaften Produkten. So passen wir regelmässig unsere Speisekarte und die Abläufe an. Beispielsweise bieten wir keine frischen Cremeschnitten mehr an. Waren viele Gäste da, überforderte die  Dessert-Zubereitung unsere Angestellten. Und wir haben einige Sandwiches gestrichen, die so selten nachgefragt wurden, dass die Zutaten nicht vor Haltbarkeitsende verbraucht wurden. Auch gibt es einige Kniffs, beim abendlichen Putzen mehrere Arbeiten miteinander zu verbinden.“

Sichtbare Belebung des Chilehügels

Felix Schmid: „Anfangs haben einige Freiwilligen und aktive Gemeindemitglieder dagegen gesprochen, dass wir für die Konsumation im Bistro bezahlen. Sie könnten doch selbst vor Ort etwas zubereiten. Die Argumente leuchten aber nun allen ein: Die besonderen Hygienevorschriften im Gastrogewerbe müssen beachtet werden. Ausserdem ist es dem Christuszentrum gegenüber nur mehr als fair, denn das hat dazumal den Gastronomie-Zweig für und mit uns aufgebaut. Nur so können wir mehr Leben auf den Chilehügel bringen. Dafür muss man mitunter auf anderes verzichten.

Und hier oben ist es tatsächlich lebendiger geworden. Spielecke, Sandkasten und Brunnen ziehen Familien mit Kindern an; mehrfach in der Woche ist die Mütter-Väter-Beratung zu Gast. Draussen sitzt gerade eine Gruppe strickender Frauen. Aus den umliegenden Büros kommen einige zum Mittagessen.“

Wachsendes Verständnis füreinander

Spielecke im Bistro

Tobias Stutz: „Ja, die Kirchgemeinde und wir wachsen miteinander. Beispielsweise handhaben wir die Bistro-Bewirtschaftung nicht mehr so restriktiv. In der letzten Zeit haben wir einige Freiwillige in den Betrieb eingeführt. Wichtig ist uns, dass wir die Leute persönlich kennen und wissen, wann sie hier wirtschaften wollen. Jemand muss sich verantwortlich erklären, alles wieder ordnungsgemäss zu hinterlassen.

Manchmal muss ich eben daran erinnern: Wir sind ein besonderes Unternehmen. Wir bieten Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen Arbeitsplätze; hier im Bistro sind es zwischen vier bis acht. Ihre Begleitung begreife ich als Co-Betriebsleiter als unseren Kernauftrag. Daneben haben wir einen hohen Dienstleistungsanspruch gegenüber unseren Gästen. Drittens würden wir gerne der Kirchgemeinde vieles ermöglichen. Aus Verpflichtung und Rücksicht unseren Angestellten gegenüber jedoch müssen wir Zusätzliches, Ungewohntes genau abwägen und lieber einmal mehr Nein sagen. Ich bin deshalb manchmal froh, mit der Kirchgemeinde einen Partner mit Verständnis und ähnlichen Werten zu haben.“

Felix Schmid: „Eine gemeinsame Wertebasis hilft sehr. Trotzdem: Du tönst viel vorsichtiger, als wir in Wirklichkeit miteinander unterwegs sind. Ganz tatkräftig nämlich.

Spurgruppe zur inhaltlichen Weiterentwicklung

Auch dank der Spurgruppe, die wir Anfang 2018 als Ergänzung zur Bistro-Kommission eingerichtet haben. In ihr tauschen sich Betriebleitung und Mitarbeitende des Christuszentrum mit den Sozialdiakoninnen von Altstetten und mir, dem Pfarrer, regelmässig aus, etwa viermal jährlich.“

Tobias Stutz hinter den Tresen

Tobias Stutz: „Die Spurgruppe ist sehr nützlich. Vorher haben wir einander zwar gesehen, aber waren mit dem Tagesgeschäft beschäftigt. So haben wir Gespräche häufig nur zwischen Tür und Angel geführt; es entstanden viele Missverständnisse. Die Spurgruppe hat uns näher gebracht, wir klären gegenseitige Erwartungen und besprechen, was besser laufen soll. Und wir träumen miteinander Neues. Daraus entstand z.B. der Chilehügelgrill, der in diesem Sommer Premiere feiert, an sechs Abenden, jeweils donnerstags.“

Felix Schmid: „Die Spurgruppe befasst sich mit möglichen gemeinsamen Projekten zur weiteren Belebung, die Bistro-Kommission regelt alles rund um Infrastruktur und Finanzen.

Hoffnungen und Wünsche

Wir hoffen, dass die neue Struktur – wir sind ja jetzt neu mit Albisrieden zusammen der Kirchenkreis 9 der Kirchgemeinde Stadt Zürich – auch zur positiven Weiterentwicklung beitragen wird. Ich wünsche mir, dass die Leute etwas von der Kirche haben, dass wir für sie erreichbar, sichtbar, ansprechbar sind. Wenn es in Altstetten normal wird, zu sagen: `Es ist ansprechend, was die reformierte Kirche macht. Ich gehe manchmal ins Bistro und ich finde es toll.`, dann haben wir viel erreicht.“

Ein alter Zeitungsartikel … erzählt von den Anfängen

Zürich West, Donnerstag, 9. August 2012 / Was beim Wirten zählt…

Tipps für Kirchgemeinden

Klären Sie, ob Sie ein Bistro alleine oder mit einem Partner realisieren wollen. – Mit Partner:

  • Investieren Sie Zeit in die schriftliche Konzeptarbeit, eine gute Grundlage für das gemeinsame Verständnis.
  • Klären Sie die gegenseitigen Erwartungen; seien Sie bereit, das Konzept wieder zu ändern.
  • Etablieren Sie kurze Kommunikationswege, tauschen Sie sich lieber häufiger aus, um Missverständnisse zu vermeiden.

von Tobias Stutz und Felix Schmid

Kontakte

Bistro ufem Chilehügel
Betriebsleitung: Petra Tobler und Tobias Stutz
Pfarrhausstrasse 21
8048 Zürich-Altstetten
Telefon: 043 343 03 58
Email: info@chilehuegel.ch

 

Kirchenkreis Neun, Reformierte Kirchgemeinde Zürich
Felix Schmid, Pfarramt Suteracher Altstetten; Bereich: Jugend und Familie
Loogartenstrasse 24
8048 Zürich
044 431 12 07
Email: felix.schmid@reformiert-zuerich.ch