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Glossar

Das Vokabular zum Prozess; denn: Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht das Gleiche.

Jedes Projekt hat seine typischen Schlüsselwörter, ob Quartierplanung oder Kirchenreform. Es werden Begriffe verwendet, woraus sich ein Projektdialekt entwickelt. Wenn viele beteiligt sind, kommen verschiedene Dialekte zusammen. Das zeugt von breiter Beteiligung und hilft grundsätzlich dem Projekt, solange die Schlüsselbegriffe nicht gegensätzlich aufgefasst werden. Deshalb ist dieses Glossar entstanden. Es dient allen Beteiligten als Übersetzungshilfe und zur Verständigung. Es legt Bedeutungen nicht auf ewig fest, sondern auf Zeit. Für die Dauer des Projekts meinen wir möglichst dasselbe. Das heisst, wir setzen Definitionen voraus, um arbeiten zu können. Nicht für alles und jedes, aber für die Grundlagen und den Rahmen.

Die meisten Menschen sind für ihre Tätigkeit privatrechtlich angestellt, einige mit befristeten Aufträgen, weil das Projekt befristet ist. Die meisten erfüllen ihren Auftrag im Wissen, dass sie diesen je nach Lage innert Monaten wieder abtreten müssen, aber auch abtreten können. Das gilt auch in der Kirche für die meisten: für Mitarbeitende in Diakonie, Katechese, Verwaltung etc.

Das gilt nicht für die Pfarrschaft und für die Pflegen. Beide werden in ihr Amt gewählt für eine bestimmte Amtsdauer. Mit dem Pfarr-Amt verbanden sich früher Aufgaben wie jene der niedrigen Gerichtsbarkeit, des Schulunterrichts, der Schulaufsicht und der Gemeindeaufsicht. Heute verbleiben dem Pfarramt davon? der Stand des Verbi Divini Minister, respektive der Verbi Divini Ministra (Diener/in am göttlichen Wort) sowie die Schweigepflicht in Seelsorge und Fürsorge. Wo seelische oder ökonomische Not besteht, soll das Pfarramt sich darum sorgen können. Die Verpflichtung auf das Evangelium kann auch dazu führen, sich in bestimmten Fällen gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung zu stellen.

Die Amtsdauer von vier Jahren hat sich bewährt. Danach beurteilen die Gemeindeglieder die Arbeit der Pfarrperson. Sie würdigen auch, was das Pfarramt ausstrahlt und wie es ausstrahlt in sämtlichen Handlungsfeldern.

Ebenso würdigen die Gemeindeglieder die Pflegen in der Kirchgemeinde und im Bezirk, sowie im Parlament und im Rat. Da geht es um die Führung der entsprechenden Aufträge zu Leitung und Aufsicht. Damit nicht alle Amt-Tragenden zeitgleich gewählt werden, kennt die Zürcher Kirche gestaffelte Amtsdauern. Für die Pfarrschaft: 2016–2020, für die Kirchenpflegen 2014–2018 etc.

Wie gelingt es uns, mitten in Veränderungsprozessen eine Stabilität zu halten? Wie halten wir Würde und Bürde in einer attraktiven Balance? Wie gelingt es uns, Menschen mit Kompetenzen freiwillig für die Ausgestaltung der Kirche zu gewinnen, sie zu begleiten, zu fördern und zu würdigen?

 

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Das griechische Fremdwort ist zum modernen Schlagwort geworden. Hervorgegangen aus der Epoche der Aufklärung, verwurzelt im Denken und Handeln der Reformation. Autós heisst selbst, nómos Gesetz. Wer sich selbst das Gesetz des Handelns gibt, ist autonom.

Für die Reformatoren ging es einerseits um den einzelnen Menschen vor seinem Gott: Wer Christ oder Christin ist, steht unmittelbar und unvermittelt vor Gott. Andererseits ging es den Reformatoren darum, solche Erfahrung mit Gott für die Stadt und das Land dienstbar zu machen. Autonomie stand nie nur für das Individuum, sie stand immer zugleich für die Gemeinschaft, die religiöse wie die gesellschaftliche.

So entstand die gesellschaftliche Struktur in der Schweiz von unten nach oben. So profilierte sich ein leitendes politisches Prinzip, das der Subsidiarität: Was die Basis gut löst, muss nicht eine Stufe höher gelöst werden. Das ermöglicht eine gelebte Autonomie.

Autonomie hat ihren Preis, der verdient sein muss. Autonomie kostet die Solidarität mit dem Ganzen. Eine Gemeinde ist solidarisch mit ihrer Region, ein Amtsinhaber mit seinem Berufsstand … Wenn Autonomie nicht verknüpft wird mit Solidarität, ist sie gestohlen.

Die reformierte Ordnung ist daher presbyterial-synodal: Presbyterial bedeutet: Die Interessen der einzelnen Gemeinde stehen im Zentrum. Synodal bedeutet: Die Interessen der gesamten Kirche stehen im Zentrum.

Presbyterial-synodal bedeutet: Beide Realitäten werden wahrgenommen, auch von den je anderen. Beide Realitäten hören einander zu, gleichen ihre Interessen aus und stehen in fortwährendem Dialog.

Wie bringen wir Individuum und Gemeinschaft, Kirchgemeinde und Landeskirche in eine lebendige Balance und halten sie aus?


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Die besserwissende Kirche hat gedient, heute hat sie ausgedient! Es hatte damals mit dem kolonialen Muster zu tun, dass weisse Männer wussten, was für schwarze Gesellschaften zu gelten hat. Die Entwicklungszusammenarbeit sieht heute ganz anders aus. Man spricht von Partnerschaften, Hilfe zur Selbsthilfe und Partizipation – Beteiligung. Kirche besteht aus mündigen Menschen, die sich an der Kirche beteiligen. Kirche lebt von der Mitwirkung ihrer Mitglieder. Sie ist Beteiligungskirche.

So war die reformierte Kirche von Anfang an gemeint. Beteiligung nimmt das kulturelle und geistliche Kapital ernst, das Menschen mitbringen. Kulturelles und geistliches Kapital ist von unbezahlbarem Wert: Da steckt Potenzial drin für eine gedeihliche Zukunft. Denn, wer sich an der Kirche beteiligt, bewegt sich und bewegt die Kirche, trägt dazu bei, dass sich Kirche verändert, und bringt sich zugleich ein als Teil der ganzen, sich verändernden Kirche. Das Wechselspiel ist nicht endlos, aber fortführend und weiterführend, bis die Beteiligten sagen: das ist vielfältig, das ist unser.

Wie können sich von Anfang an alle, die jetzt mitmachen, und alle, die künftig hinzukommen, als Beteiligte verstehen, die das Wachsende ganz als ihre eigene Pflanzung verstehen und zugleich erkennen, Teil eines Ganzen zu sein?


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Der dritte Weg

 

Die zwei Seiten der Kirche …

Die Zürcher Landeskirche hat einerseits stark das Gepräge einer klassischen Institution. Sie steht für Stabilität und Sicherheit. „Die Kirche ist noch im Dorf.“ Andererseits sehnen sich viele ihrer Mitglieder nach mehr Dynamik und Innovation. Die „Fresh Expressions of Faith“ sind Symbol dieser Sehnsucht und ein praktisches Vorbild.

In unseren Kirchgemeinden gibt es bereits viele Ansätze zu einer bewegten und sich bewegenden Kirche: von der Jugendbewegung bis zur „Streetchurch“, zur „Fabrikkirche“ und zu „PACE“ – vom „Ten Sing“ bis zu „roundabout“ – von der „Kirche im Dorf“ zur „Kirche am Weg“ (kabel, Flughafen, Bahnhof, Sihl City, Glattzentrum) – von Ernst Sieber bis zur SOS-Kinderbetreuung – von der Friedensbewegung bis zum Flüchtlingstreff – von den Hauskreisen bis zum Stadtkloster und kleinen christlichen Gemeinschaften.

… und der dritte Weg

Der dritte Weg ist eine „Mixed Economy“. Dieser Weg versucht, beide geschilderten Seiten der Kirche miteinander konstruktiv zu verbinden. Die Stärken der Institution und der Bewegung werden genutzt. Es geht darum, dass beide Seiten einander befruchten. Es geht um eine Balance, in welcher im Zweifelsfall – oder im Glücksfall – die Bewegung den Vorrang bekommt.

Die Mitgliederkirche kann sich zur Beteiligungskirche entwickeln. Kirche für Andere wird Kirche mit Anderen (Partizipation) und Kirche durch Andere (Multiplikation). Kirchliche Orte werden geografisch-lebensräumlich und immer mehr auch thematisch-lebensweltlich definiert. Kirchliche Berufsgruppen beschränken sich nicht auf das „selber tun für Andere“. Sie ermöglichen und fördern Potenziale der Anderen. Sie motivieren in erster Linie Freiwillige zu kirchlichem Engagement; und sie begleiten die Freiwilligen kompetent. Die Doppelungen in der flächendeckenden kirchlichen „Grundversorgung“ werden minimiert. Dafür werden Kräfte frei für neue profilierte Projekte und für neue kirchliche Orte.

 

Bei allen genannten Akzentuierungen geht es um die Kirche mit ihren beiden Seiten. Schwächen jeder Seite sollen reduziert, Stärken beider Seiten profiliert werden. Kirche als Institution leistet einen Service Public und generiert Steuereinnahmen und Staatsbeiträge. Kirche als Bewegung kann spezifische Profile entwickeln. Dadurch kommt sie Menschen in unterschiedlichen Lebenswelten nahe.

 

„Dritter Weg“ und „KirchGemeindePlus“

KirchGemeindePlus zielt auf Zusammenschlüsse zu neuen Kirchgemeinden mit „weiteren“ Konturen. Wie hängt das mit dem dritten Weg zusammen?

Weitere Strukturen animieren dazu, „traditionelle“ Doppelungen („Alle tun gleichzeitig das Gleiche an vielen Orten für immer weniger Menschen.“) zu minimieren und neue Profile herauszukristallisieren. Es kann eine Umlagerung der Ressourcen von den „klassischen“ kirchlichen Orten (von der „Kirche im Dorf“) zu neuen kirchlichen Orten (zur „Kirche am Weg“, zu thematischen Orten) stattfinden.

Diese „Bewegungs-Kirche“ will Menschen in der Vielfalt ihrer Lebenswelten und Lebenslagen gewinnen. Dazu braucht sie grössere Aktionsradien in grösseren Territorien als kritische Masse. Das wird mit dem Zusammenschluss von Kirchgemeinden möglich.

Neue Profile und Projekte erfordern spezifische Kompetenzen beim Personal. Eine Teilspezialisierung der kirchlichen Berufsgruppen, insbesondere des Pfarramts, und eine stärkere gaben- und zielgruppenorientierte Ausrichtung ihrer Arbeit erfordern grössere Aktionsradien. Personelle und finanzielle Ressourcen können in einem grösseren Ganzen koordiniert und effizient eingesetzt werden.

Gleiches gilt auch für die materiellen Ressourcen: Liegenschaften werden in einem weiteren Gestaltungsraum koordiniert und effizient bewirtschaftbar. Hier liegt ein grosses Potenzial noch brach. Der Zusammenschluss von Kirchgemeinden öffnet den Raum zu einem neuen Umgang mit den Immobilien.

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Ein uralter Tatbestand: Die älteste ist die Biodiversität der Natur, älter als der Mensch. Die Vielgestaltigkeit der Schöpfung. Sie mag Monokulturen nicht. Sie liebt die vielen Versionen und schafft Vielfalt. Die Biodiversität der Natur nahe dem Äquator bezeugt es überwältigend. Sie bedeutet dort grössten Artenreichtum auf kleinster Fläche: Zweihundert Baumarten, wo bei uns drei oder vier vorkommen. Oder nur eine, wenn ein ökonomisches Forstprogramm es bestimmt. Regenwald und Plantage sind Gegensätze, die grösser nicht sein können. Dabei entsteht Biodiversität nicht auf fetten Böden, sondern auf mageren. Der Regenwald ist vierstöckig und hat nirgends gleiche Bedingungen. Ein Zusammenleben in unglaublicher Vielfalt ist entstanden.

Das ist eine Parabel, auch für die Kirche, für die Kirchgemeinde. Die Schöpfung lehrt das nachhaltigste diversity management. Nicht eine kirchliche Monokultur, sondern eine Vielfalt entspricht der schöpferischen Idee. Daran orientieren sich auch Architekten, Designer und Entwickler, Wirtschaft und Soziologie.

Create! Don’t clone! rät auch die anglikanische Kirche, wenn es um das Ausgestalten von Kirchgemeinde geht: Entwickelt Verschiedenes! Vervielfältigt nicht dasselbe!

Wie entdecken wir die eigene Diversität, auch die in unseren Gemeinden? Wie lassen wir liebend zu, dass Verschiedenes wächst und wir somit dem Auftrag näher kommen, allen nah zu sein und alle an der Kirche sich beteiligen zu lassen?


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Jesus war ein Jude. Für ihn war die Synagoge die gegebene Gemeinschaft. Eine Kirche hat er keine gegründet. Aber er hat Menschen aus ihren Lebenswelten herausgerufen. Ekklesia, das ist wörtlich die Herausgerufene. Und Ekklesiologie ist die Wissenschaft von der Kirche, der Ekklesia. Ekklesiologie beschreibt die Möglichkeiten, als Herausgerufene zu leben, als Herausgerufene zur Gemeinschaft zu werden.

Kirche entfaltet sich in drei Dimensionen: Verkörperung, Nachfolge, Verwandlung. – Erstens die Verkörperung des Christus: Beziehungen entstehen, Menschen werden Gemeinschaft, bilden einen Körper. Die Gemeinschaft verkörpert Christus. Sie wird zur Gemeinde. So wird das Wort Fleisch und wohnt als Gemeinde unter uns (Joh 1,14). Ekklesiologie heisst incarnatio.

Zweitens die Nachfolge der Menschen: In dieser Gemeinschaft kommen Themen ins Gespräch, Werthaltungen, Grundfragen ans Leben und darüber hinaus. Der einzelne Mensch spürt Veränderungen, orientiert sich neu, verhält sich anders. Die Lebenskunst der Bibel gibt ihm dafür leitende Anhaltspunkte. In manchen Fragen macht er eine Kehrtwende. Er richtet sein Leben aus am Leben und Glauben von Jesus Christus. Ekklesiologie heisst imitatio.

Drittens die Verwandlung des Kontexts: Menschen, die ihr Leben an Christus ausrichten, vergegenwärtigen ihn – als Einzelne und erst recht als Gemeinde. Menschen verändern sich selbst dabei, aber auch ihre Kontexte. Ekklesiologie heisst reformatio.

Ekklesiologie prüft, ob Veränderungen auch Verheissungen enthalten: Birgt das Neue die drei Keime von incarnatio, imitatio und reformatio?

Kirche ist uns gegeben – und will neu realisiert werden als lebendige Gemeinschaft von Herausgerufenen. Wie gelingt es uns, „Leib Christi“ zu sein, Christus heute zu „verkörpern“ – als Einzelne und als Gemeinschaft?


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Freiwilligkeit in der Gemeinde bedeutet Dienen ohne Verdienst. Und zwar gleich dreifach ohne Verdienst:

1. Nicht bei Gott, denn ich brauche für mein Glück kein Konto guter Werke.
2. Nicht bei Menschen, denn ich brauche für mein Ego keine Performance.
3. Nicht bei mir, denn ich brauche für mein Auskommen keinen Zustupf.

Dienste in der Gemeinde sind keine bezahlbaren Dienstleistungen. Früher nannte man sie Liebeswerke, weil sie nicht Lohnarbeit sind. Dienen allein aus Liebe, Hoffnung, Glaube ist ohne Verdienst (1Kor 13). Freiwilligkeit zerbräche durch Kommerzialisierung dieses Dienens! Wer freiwillig dient, wird immer auch reichlich beschenkt. Wer aus lauterer Liebe gibt, kann auch dankbar nehmen. Dafür braucht es logistisch und funktional gute Rahmenbedingungen. Vor allem aber braucht es Beteiligung schon am Anfang. Freiwillige wollen Partnerinnen und Partner sein.

Freiwillige, die geschätzt sind, verändern die Rollen der Professionellen. Wie andere werden kirchliche Berufe durch Freiwillige aufgewertet. Das gilt insbesondere für den ältesten, den Pfarrberuf. Die Pfarrerin und der Pfarrer der Zukunft spielen in einem Netzwerk. Gute Freiwillige sind dann keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung. Sie bilden mit Professionellen ein Netzwerk, einen Organismus.

Gestaltungsräume für Freiwillige gibt es in Fülle. Traditionell ist der soziale Bereich, er bleibt auch dauerhaft wichtig. Doch neue Gebiete erschliessen sich, sobald Gemeinden Profil gewinnen: Kinderhüte, Nachhilfe, Fahrdienst, Haustechnik, Besuchsdienst, Führung, Charity.
Kompetente Freiwillige beteiligen sich gern an Kirche. Aber sie brauchen Kompetenzen: Führungsverantwortung und Fähigkeiten.

Erkennen wir die Mitwirkung von Freiwilligen als unentbehrlichen Dienst an der Gemeinde?
Auch Freiwillige haben eine Berufung. Das Netzwerk von Freiwilligen und Professionellen bedarf besonderer Sorgfalt.


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Etwa 3000 churches, durchschnittlich 40 attenders, mindestens 12 types: Seit 10 Jahren erlebt die Anglikanische Kirche vielerorts einen turnaroundDen starken Schub gab 2004 der Bericht Mission-shaped Church: Eine von Auftrag (& Nachfrage) geprägte Kirche war dort angezeigt. Jetzt gedeihen Gemeinden in allen anglikanisch bestimmten Gebieten der Welt.

Fresh Expressions of Church, das sind Junge Gestalten von Kirche. Fresh schillert zwischen frisch und frech: in jedem Fall unternehmungslustig, grenzgängerisch, innovativ. Expressions meint Gestaltung und Formung, Ausdruck und Expressivität: kontextuell, beteiligt, selbstentworfen, mitgestaltet. Church heisst Kirche und steht anstelle von parish für Parochie: nicht der Institution verpflichtet, sondern der jungen Gemeinde° verbunden. This is our Church sagen die Mitglieder: Wir sind die Kirche!

Vier Adjektive stehen in England im Zentrum:
1
missional: Der Geist führt ins Neuland und lässt dort Gemeinde wachsen.
2 contextual: Sie entwickelt sich aus der jeweiligen Lebenswelt heraus.
3 formational: Sie bildet Menschen und bringt sie in die Kehrtwende des Glaubens.
4
ecclesial: Die Gemeinde wächst sich aus zur Kirche im Sinn der Ekklesiologie.

Die Anglikaner haben für diesen Prozess Rahmenbedingungen gesetzt: Eine Fresh Expression muss sich um Anerkennung bewerben. Dafür erfüllt sie einige Grundbedingungen, die auch geprüft werden. Dann wird sie per bishop ordre anerkannt und erhält kleine Ressourcen. Pfarrer/innen werden als pioneer priests auf längstens sieben Jahre freigestellt. Mitglieder einer Fresh Expression sind Mitglieder der Church of England. Hier verbinden sich Tradition und Innovation, lokal verankerte Kirche und vitale bewegliche Gemeinde.

Wo weht ein frischer Wind? Wo spriesst Neues? Und wie  können wir den Weg frei machen für neue Formen und innovative Ideen? Halten wir die Spannung zwischen Tradition und Innovation aus?


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Eine Fusion ist ein Ergebnis, das am Ende steht, wozu sich zuvor ein Verwaltungsrat oder mehrere  entschieden haben. Oben wird entschieden, unten wird nachvollzogen. Da ist kein Vorgang am Anfang, kein zurückgelegter Weg. Und am Ende steht nur die eine Möglichkeit.

Der Reformprozess KirchGemeindePlus ist ein Prozess, und daher explorativ und ergebnisoffen; und er dauert lange. Möglich, dass, wenn die Themen auf dem Tisch liegen, dann die Strukturen rasch gefunden werden. Aber der Reformprozess dauert inhaltlich und kulturell lang, sehr lang. Da braucht es ein Einteilen der Kräfte.

Denn es werden keine neue Identitäten geschaffen, sondern die Beteiligten respektieren, dass sich neue Identitäten bilden. Das tun sie übrigens ohnehin, mit und ohne Zusammenschluss, Gemeindeautonomie, Zuwanderung, Mobilität …

Aber: Neu geschaffene Gemeinden können mehr Ressourcen, breitere Partizipation, bessere Spielräume, stärkeren Auftritt haben. Wenn sich Gemeinden zusammentun, optimieren sie Logistik und Funktionalität, Vielfalt gemeindlichen Lebens und schaffen Synergien für die Region, auch für eine Randregion.

Die Fusion ist das Ergebnis eines Prozesses. Sie ist eine Möglich­keit ne­ben anderen. Was verlieren wir, was gewinnen wir und welche Alternativen gibt es?


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Die Gemeinde ist handelndes Subjekt. Wir machen nicht Gemeinde und veranstalten nicht Kirche! Gemeinde ist Verkörperung Christi, nicht Einheit einer Verwaltung. Eine Kirchenreform ist keine Verwaltungsreform! sola scriptura bedeutet nicht sola structura!

Das deutsche Wort Gemeinde übersetzt das lateinische Wort communio. Darin steckt, was Menschen communis ist, was sie gemeinsam haben. Zweierlei Typen des Gemeinsamen sind aber zu unterscheiden: Das Gemeinsame kann geerbt, erworben oder hergestellt sein. Das ist der Fall bei der Bürgergemeinde, im Deutschen bei der Kommune. Wo Gemeinde so vorkommt, ist sie Objekt menschlichen Willens. Das ist auch gut und richtig so. Eine funktionierende Gesellschaft braucht solche Gemeinden.

Anders bei der Kirchgemeinde! Das Gemeinsame ist verliehen, geschenkt, zugeteilt, anvertraut. Gemeinde Jesu Christi ist Subjekt göttlichen Willens.

Das ist für sie entscheidend: Sie ist Leib Christi, seine Verkörperung, Selbstmitteilung Gottes. Er inkarniert sich in seiner Gemeinde wie im Johannesprolog (Joh 1,14). So ist Kirchgemeinde einerseits Teil eines Ganzen, Teil der Kirche, und andererseits bildet sie das Ganze ab. Das gibt ihr zugleich die Autonomie, sich selbst zu sein wie auch Partnerin einer Vielfalt unter anderen zu sein und ihren "Part" wahrzunehmen.

Wie sehen wir unsere (Kirch-)Gemeinde? Wie verhalten sich Gemeinschaft der Glaubenden und Organisation zueinander?


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KirchGemeindePlus ist als Begriff neu; KirchGemeindePlus ist auch als Prozess neu. Denn weder hierarchisch von oben nach unten, noch revolutionär von unten nach oben, noch subversiv von quer links oder rechts ist KirchGemeindePlus. Sondern ein Prozess, der von allen Seiten her angeschoben und ausgestaltet wird. KirchGemeindePlus ist zugleich Reformprozess, Strukturprozess, Veränderungsprozess, Entwicklungsprozess. Reform ist er, weil in dieser Zeit die Reformierten neu über Kirche und Kirchgemeinde diskutieren und diese neu gestalten. Strukturen betrifft er, weil die Mitglieder weniger werden und die finanziellen Mittel eingeschränkt sind. Kantonal machen die Reformierten noch knapp 30 Prozente der Bevölkerung aus, wobei dieser Prozentsatz von Region zu Region stark variiert. Darum Veränderungsprozess, weil sich die Aufgabe für die Reformierten in der Gesellschaft verändert. Was ist unsere Aufgabe? Was könnte sie sein? Das macht KirchGemeindePlus zum Entwicklungsprozess.

Dabei geht es auch um theologische Fragen: Ums Loslassen und Aufbrechen, ums Nachfolgen und Beauftragt-Sein, ums Teilen und Verteilen.

Wie gelingt es uns, KirchGemeindePlus zu einem Prozess zu machen, an dem möglichst viele teilnehmen? Entwickeln wir – gemeinsam – das Plus, den Mehrwert dieser grundlegenden Veränderung?


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Kirchliche Orte


    1. Basiseinheiten

Kirchliche Orte sind die Basiseinheiten kirchlichen Lebens in einer Kirchgemeinde. In ihnen manifestiert sich die vitale Vielfalt des gemeinsamen Gestaltens. Kirchliche Orte haben eine Geschichte. Sie entstehen. Sie entfalten sich. Sie bewähren sich. Sie wandeln sich, gehen zu Ende oder in eine neue Form über. Sie liegen im Spannungsfeld von Beständigkeit und Wandel, Kurz- und Langlebigkeit, Tradition und Innovation.

Die kirchlichen Orte sind auch die Basiseinheiten im organisierten Leben der Kirchgemeinde. Die Kirchenpflege definiert und „akkreditiert“ diese Orte nach bestimmten Kriterien. Die Einschätzungen und Beurteilungen können sich je nach Situation und Entwicklung auch wieder ändern.

    2. Umfeld und Vielfalt

Kirchliche Orte sind auf vielfältige Weise in ihr Umfeld eingebettet.

-   Kirchliche Orte können sich auf einen geografischen oder sozialen Lebensraum beziehen. Das ist die unmittelbare und vertraute Bedeutung von „Ort“, verwandt mit „lokal“, „territorial“ oder „Heimat“.

-   Kirchliche Orte können sich aber auch an Nahtstellen und Knotenpunkten befinden. Sie richten sich dann nicht an der Stabilität innerhalb eines Territoriums aus. Vielmehr kommen sie der Mobilität der Menschen in Netzen und Netzwerken entgegen. Solche Orte sind an Wegen und Knotenpunkten „verortet“.

-   Schliesslich gibt es Orte, welche relativ losgelöst vom Umfeld – seien es Territorien oder Wege – sind. Sie sind Kristallisationskerne beispielsweise für Bewegungen oder Vergemeinschaftungen. Sie sind „Plattformen“ für Themen und Projekte. Ihre Verortung kann auch virtuell im Internet liegen.

Diese Arten kirchlicher Orte existieren immer in einer konkreten Verortung. Doch ist ihr Bezug auf einen geografischen oder sozialen Raum ganz unterschiedlich.

Im Prozess KirchGemeindePlus werden anfangs die „territorialen Orte“ noch stärker vertreten sein. Mittelfristig dürfte die Vielfalt der Orte zunehmen.

    3. Aufgaben und Zielgruppen

Kirchliche Orte werden von ihren Aufgaben und Zielgruppen her definiert. Drei mögliche Polaritäten illustrieren die Vielfalt.

-   Kirchliche Orte können an standardisierten Angeboten für alle orientiert sein. Beispiel für solche Angebote sind: Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung. – Polar dazu können sich kirchliche Orte an spezifischen Zielgruppen orientieren. Das leitende Interesse der Kirche wäre, diese Gruppen mit zu beteiligen. Beispiel: Kirche für und vor allem mit Familien.

-   Kirchliche Orte können sich in einem einzigen Handlungsfeld mit einem besonderen Auftrag entfalten. Diese „Konzentration“ kann sich aber mit einem vergrösserten Aktionsradius paaren. Beispiel: Notfallseelsorge. Polar dazu kann ein kirchlicher Ort alle Handlungsfelder abdecken. Dann entspricht er stark einer „Kirche am Ort“. Sein Aktionsradius ist begrenzter. Beispiel: Aufbau einer Quartiergemeinde in einem Neubaugebiet.

-   Kirchliche Orte können sich berufsspezifisch oder polar dazu interdisziplinär ausgestalten. Beispiele: Aufbau eines Flüchtlingsnetzes durch eine spezifische Berufsgruppe, nämlich Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone sowie freiwillig Engagierte. Polar dazu wäre ein  –  interprofessionelles Care Team inklusive Freiwillige beispielsweise im Strafvollzug denkbar.

    4. Organisation

Kirchliche Orte sind Teil der Organisation der Kirchgemeinde. Sie bilden deren Basiseinheiten einer Kirche, welche den Menschen nahe ist. An diesen Orten gewinnen das Gemeindeleben und der Gemeindeaufbau eine inhaltliche Gestalt.

Ein kirchlicher Ort hat klare Strukturen der Zusammenarbeit. Beispielsweise wären das interdisziplinäre Teams aus Angestellten, Gewählten (Pfarrschaft) und „externen“ Personen oder Freiwilligen. Die interdisziplinären Teams vernetzen sich mit ihren Zielgruppen, beispielsweise über Beiräte oder Resonanzgremien. Sie schaffen Gefässe und Strukturen, welche unterschiedliche Formen der Partizipation ermöglichen.

Es gibt unterschiedliche Varianten der Team-Leitung an einem kirchlichen Ort. Beispielsweise eine Sprecherin / ein Sprecher, eine Moderatorin / ein Moderator oder eine leitende Person. Kirchliche Orte können auch eine eigene organisatorische Gestalt – etwa als Verein – annehmen. Je nach Profil und Grösse eines kirchlichen Orts kommt für dessen Führung auch eine Geschäftsleitung in Frage. Die Leitungspersonen eines kirchlichen Orts unterstehen der Kirchenpflege.

Grosse Kirchgemeinden haben eine grössere Zahl kirchlicher Orte. Orte, die einander gleichen oder sich ergänzen, können Gruppen bilden. Deren Leitungspersonen sind dann Mitglieder entsprechender Kommissionen. Diese Kommissionen unterstehen der Kirchenpflege.

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(Leitungs-)Organisation neuer Kirchgemeinden

Die zurzeit in Entwicklung begriffenen Organisationsmodelle in Kirchgemeinden, Bezirken, den grossen Städten und innerhalb der Gesamtkirchlichen Dienste gehen insgesamt gleicherweise in die Richtung, welche hier als vorläufiger Entwurf skizziert ist.

  1. In den Kirchgemeinden besteht eine Vielfalt von Angeboten und Projekten, Gemeinschaften und Bewegungen. Die Strukturanpassungen im Rahmen von KirchGemeindePlus sollen diese Vitalität stützen sowie ihre Wirkung und Wirksamkeit fördern. Strukturen dienen dem Auftrag und den Menschen. Der Auftrag und der Bedarf bestimmen den Aufbau der Strukturen.
  2. Die Strukturen neuer Kirchgemeinden sind so schlank und einfach wie möglich. Mitglieder einer Kirchgemeinde haben eine einzige Mitgliedschaft. Behördenwahlen, Pfarrwahlen und Abstimmungen finden auf der Ebene der Kirchgemeinde statt. Die Kirchgemeinde als das grössere Gemeinsame gewährleistet die Einheit in der Vielfalt. Sie verbindet die vielfältigen kirchlichen Orte miteinander zu einem Ganzen. Es gibt keine von der Gesamtgemeinde unabhängigen Substrukturen. Die Verwaltung wird gebündelt, die Gestaltung wird diversifiziert. Die strategische Leitung ist bei der Kirchenpflege. Die operative Leitung ist der Basis nahe.
  3. Die kirchlichen Orte bilden die Basis der Kirchgemeinde. Sie sind eher geografisch und lebensräumlich oder mehr thematisch und lebensweltlich ausgerichtet. Legislativorgane der Kirchgemeinden sind Kirchgemeindeversammlung oder Kirchgemeindeparlament. Exekutivorgan der Kirchgemeinde ist die Kirchenpflege. Kirchenpflege und Parlament werden im Majorzsystem an der Urne gewählt.
  4. Behörden und Gewählte, Angestellte und freiwillig Engagierte arbeiten mit definierten Aufträgen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zusammen. Zusammenarbeit und Leitung innerhalb der Kirchgemeinden basieren auf dem Grundsatz der Zuordnung unter diesen Gruppen auf der Grundlage von Artikel 150 der Kirchenordnung.
  5. Kirchliche Orte haben klare Strukturen der Zusammenarbeit und der Leitung. Die Zusammenarbeit an einem kirchlichen Ort kann nach den Handlungsfeldern strukturiert sein. Aufgaben, Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten von Berufsgruppen, Milizpersonen und systematisch einbezogenen Freiwilligen sind klar. Die Leitungsperson eines kirchlichen Orts gehört einer der kirchlichen Berufsgruppen an. Sie hat die Verantwortung für die inhaltliche Gestaltung des kirchlichen Lebens und für die fachliche Führung der Mitarbeitenden vor Ort.
  6. Die Kirchenpflege hat vermehrt strategische Aufgaben. Ihre Ressorts könnten sein: Präsidium, Ressourcen (Personelles, Finanzen, Liegenschaften), Vernetzung, Mitgliederbeteiligung und Gemeindeaufbau (Verkündigung und Seelsorge, Diakonie und Generationen, Bildung und rpg).
  7. Mögliche zusätzliche Organe

    • Beiräte an den kirchlichen Orten verstärken den Kontakt zu Zielgruppen und Lebenswelten.
    • Grössere Kirchgemeinden können eine operative Gemeindeleitung einrichten. Sie lässt sich verstehen als nicht-selbständige Kommission der Kirchenpflege mit delegierten Kompetenzen. Sie ist das Verbindungsglied zwischen den kirchlichen Orten und der Kirchenpflege. Die Leitung dieser Kommission kann zum Beispiel bei einem Mitglied der Kirchenpflege oder einer Geschäftsleitung liegen. Sehr grosse Kirchgemeinden können mehrere solche „externe“ Kommissionen aufweisen.
    • Stabdienste ermöglichen eine Entlastung der eher administrativen Ressorts der Kirchenpflege.

 

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Personal und Räume: die zwei grössten Posten in Budget und Rechnung einer Kirchgemeinde: Personal – ist das nicht immer optimal eingesetzte Potenzial für Beziehungen. Räume – sind die oft nicht optimal eingesetzten Potenziale für Beheimatungen. Kirchliche Liegenschaften sind wichtige Instrumente für den Gemeindeaufbau: Historische Kirchen und Pfarrhäuser stehen an besten Lagen, neue Kirchgemeindezentren und Kirchen in jungen Quartieren. Hier geht es um mehr als nur um das Verwalten von Liegenschaften! Kirchliche Gebäude können zu „Herbergen“ werden für Menschen aus allen Lebenswelten. Willkommen sind hier – etwa bei einer Trauung oder Abdankung – auch die Vielen, die ansonsten wenig Zugang zu Kirche haben. Das ist eine Frage der Gastfreundschaft. Was diese kostet, ist zu klären. Was sie zum Ziel hat, braucht Visionen, auch über die Frage nach Rendite hinaus. Antrieb muss die Frage sein: Wie können wir unsere kirchlichen Räume als Instrument für christliche Gastfreundschaft und als Orte der Begegnung nutzen?

Werden unsere kirchlichen Räume bloss gut verwaltet – oder sorgfältig gepflegt und betreut als Orte der Begegnung? Wie kann ein neues Konzept zu einer besseren „Ausnutzung“ helfen?


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Es war kein Ökonom, der den Begriff Mixed Economy of Church geprägt hat, sondern es war Rowan Williams, das langjährige Oberhaupt der Anglikaner; der Erzbi­schof von Canterbury hat da vom Markt ein Bild ausgeliehen. Das Gegenbild zeichnet der ältere Slogan One size fits all. Auch vom Markt geliehen und von Williams ins Spiel gebracht: Eine einzige Kleidergrösse für alle Menschen – man stelle sich das vor!

Gemeint ist, dass die Kirche frei wird von Monokulturen. Dass sie hinfinden kann zu unterschiedlichem und profiliertem Handeln. Altes und Neues sollen nicht gegeneinan­der ausgespielt werden. Neues ersetzt Altes nicht, sondern ergänzt es sinnvoll. Was heisst das? Nicht weil etwas alt ist, ist es auch gut und wird fortgeführt. Und nicht weil etwas neu ist, ist es schon gut und wird eingeführt. Sondern das Alte muss beweisen, dass es zukunftsfähig ist. Und das Neue muss beweisen, dass es anknüpfungsfähig ist. Beide aber müssen beweisen, dass sie dem christlichen Auftrag & Nachfrage entsprechen.

Für eine Mixed Economy ist eine bisherige Gemeinde meist zu klein. In der Region aber ermöglicht sie Beteiligung der Verschiedenen und dadurch eine breite Vitalität. Da belebt sie die Diversität von Begabungen und Charismen. Die Mixed Economy setzt einen grösseren und durchlässigen Rahmen. In ihm kann zugleich gespart und investiert werden: Näher, vielfältiger, profilierter in einer Mixed Economy of Church.

Die Kirche will offen sein auf die Gesellschaft hin, für alle Menschen. Profiliert und einladend zugleich. Wo und wie können wir Neues wagen und zugleich den roten Faden – die Ausrichtung am Evangelium – behalten?


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Zwei sind besser als einer allein, falls sie nur reichen Ertrag aus ihrem Besitz ziehen. Denn wenn sie hinfallen, richtet einer den anderen auf. Doch wehe dem, der allein ist, wenn er hinfällt, ohne dass einer bei ihm ist, der ihn aufrichtet. (Koh 4,9–10) Die Weisheit des Predigers ist ein beliebter Text für Traupredigten. Er lässt sich auch auf zwei Amtsträger anwenden, die ernst nehmen, was Paulus allen Christenmenschen rät: Ein jeder trage die Last des Andern. (Gal 6,2).

Bei einer Union der Pfarrämter bleiben die Gemeinden selbständige Einheiten. Wenn die Pfarrämter von zwei Gemeinden uniert sind, eröffnet das neue Möglichkeiten für deren kollegiale Zusammenarbeit. Allen Beteiligten wird bei einer solchen Lösung ein gerütteltes Mass an Koordinationsbereitschaft abverlangt.

Denkbar sind Unionen auch in einem vereinbarten Arbeitsfeld. Zum Beispiel kann es – aus rein quantitativen Gründen – sinnvoll sein, dass zwei oder drei Gemeinden im Bereich des religionspädagogischen Handelns zusammenspannen. Weil alle Mitarbeitenden eines Arbeitsbereiches betroffen sind, ist es sinnvoll, von einer Arbeitsunion zu sprechen. Die Leitung und Entwicklung gemischter Teams aus unterschiedlichen Gemeinden ist anspruchsvoll, auch darum, weil dazu zwischen den ansonsten autonomen Gemeinden immer Einzelabsprachen nötig sind.

Pfarrunionen (oder andere Kooperationen) können entlasten und bei den Mitarbeitenden neue Kräfte mobilisieren. Es sind kreative und entsprechend anspruchsvolle Modelle der regionalen Zusammenarbeit. Ist dies auch eine Option für unsere Gemeinde in Kooperation mit einer Nachbargemeinde?


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Der Begriff Profil ist mehrdeutig:

  • Profil ist die Seitenansicht einer Sache oder eines Menschen. Es ist eine Sicht auf andere; zwar macht es erkennbar, wer gemeint ist, aber das Profil ist weder die Sache oder der Mensch selbst.
  • Profil ist eine Reihe von Stangen und Stecken, die anzeigen, dass an besagter Stelle ein Haus vorgesehen ist. Profil ist wie die Skizze auf der Parzelle; das Haus selbst ist noch nicht sichtbar.
  • Kunden können kein Profil haben, man kann es ihnen nur zuschreiben.
  • Selbst Menschen können kein Profil haben, sie können nur leben, wovon sie überzeugt sind; es sind andere, die ihnen ein Profil zuschreiben, ein gutes oder ein schlechtes oder gar keines. Ob also etwas oder jemand Profil hat oder nicht, entscheiden andere.

In jedem Profil steckt aber die Frage nach der Identität, nach der Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit. Das trifft auf Gemeinden zu, auch auf Kirchgemeinden. Jede hat ihr Gesicht; jede ist eine Skizze davon, was sie sein könnte; von jeder wird ein Bild gemacht, wie sie wirkt – auf andere.

Da braucht es Menschen, die der Gemeinde ein Profil verleihen, für das Profil einstehen und danach leben. Ob man das Profil anderswo erkennt? Das sagen wiederum die Anderen. Darum braucht es den Dialog zwischen allen, die an der Kirchgemeinde und an deren Profil beteiligt sind. Auch eine Profilgemeinde, die eine besondere Ausdrucks-, Rechts- und Sozialgestalt der Gemeinde entwickelt, misst sich an diesem Profil, am gesuchten und am zugesprochenen.

Was ist das Profil, die besondere Ausrichtung, die Stärke unserer Kirchgemeinde, kurz: unser Gemeindeprofil? Sollen und können wir dies herausstreichen? Mit welchem Ziel, für welche Menschen?


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Prozess ist ein Vorgang, in jedem Fall ein voranschreitender. Aber ein Prozess ist nicht einfach planbar; zuweilen scheint man wieder bei Feld eins zu landen. Das ist aber nie der Fall; denn die vorherige Erfahrung lässt sich nicht wegdenken. Prozess ist ein Vorgang, in jedem Fall kein Projekt. Da wird kein Ziel nach vorne geworfen; da steht niemand bereit mit einem taktischen Plan, weder vordergründig noch im Verborgenen. Prozess ist ein Vorgang, immer im Fluss, doch nie im Stillstand.

Prozess wird oft so beschrieben, als ob ein Schritt dem nächsten folgen würde. Doch das tut er meist nicht. Menschen im Prozess gestalten das Vorgehen; dieses ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Im Fall des Prozesses KirchGemeindePlus spielen mit: Vielfalt von Frömmigkeit, unterschiedliche theologische Vorstellungen, finanzielle Rahmen, personelle Kräfte, schwindender Nachwuchs, sich verändernde Berufsbilder, denkmalpflegerische Rahmenbedingungen bei Liegenschaften, Image der Kirche in der Gesellschaft, Lust auf Veränderung und Furcht davor, Durchmischung der Bevölkerung, Verantwortung für eine Kirchgemeinde und all ihre Mitglieder, Verantwortung für eine reformierte Kirche im 21. Jahrhundert, Perspektiven nach vorn und Erfahrungen zurück, sich verändernde Aufträge und gesellschaftliche Bedürfnisse, gleichbleibender christlicher, biblischer Auftrag.

Alle Beteiligten gestalten den Prozess mit. Die Summe der Beteiligten bestimmt die Tragfähigkeit des Prozesses, die nachfolgenden Generationen urteilen über Misslingen oder Erfolg und darüber, woran es gemessen wird. Das ist das Schicksal der Beteiligten: Sie müssen entscheiden, worüber Spätere befinden. Das ist auch biblisch. Es erfordert Besonnenheit und Weisheit. Nur so ist garantiert, dass der Prozess in seinem ausgestalteten Ausgang offen ist und dass zugleich verantwortlich und für kommende Generationen hilfreich gehandelt und entschieden wird.

Was tragen wir, was trägt unsere Kirchgemeinde bei zum Vorangehen im Prozess zugunsten unserer reformierten Kirche?


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Obwohl jeder Prozess von zahlreichen Faktoren geprägt ist, bleibt er nicht sich selbst überlassen. Obwohl ein Prozess zu gross ist, als dass jemand ihn stoppen könnte, kann er missraten. Obwohl jeder Prozess Beteiligte enthält, die ihre eigene Agenda verfolgen, geht er stetig voran. Jeder Prozess muss jedoch geführt werden, auf dass er sich nicht selber führt. Das Ziel ist vorgegeben, auch bei KirchGemeindePlus:

Das sind die Reformierten:
Nah am Ort, stark in der Region, bedeutsam im Kanton , glaubwürdig in der Gesellschaft,
verankert im christlichen Auftrag
.

Auch die Rahmenbedingungen sind bekannt: Die Kirchgemeinden sollen so gross sein, dass sie kirchliches Leben ganz ausgestalten können.

Jetzige Gemeinden können oft nicht alles tun, das wird auf mehrere verteilt sein können. Aber das Wichtige und das Wesentliche muss geschehen. Was das ist, sollen die Gemeinden entscheiden. Da haben sie unterschiedliche und vielfältige Erfahrungen und Erwartungen. Das Gemeinsame ergänzen, das Andere hinzufügen. Um dies zu erkennen, sollen Fachleute beigezogen werden, die darin Erfahrungen haben, was Prozesse sind. Sie sollen die Gemeinden darin begleiten, ihnen Sicherheit vermitteln, dass es schon gut kommen kann. Sie sollen zwischen den Gesprächspartnern als Übersetzerinnen zur Seite stehen, ihnen den Zielhorizont erklären und Perspektiven mit ihnen entwickeln.

Welche Hilfe benötigen wir für unsere Region? Welches sind für uns gute Perspektiven, welches mögliche Stolpersteine und wer hilft uns dabei, diese zu erkennen?


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Rahmenbedingungen scheinen in einem Prozess wie Spielverderber – sie schränken ein in der Kreativität. Rahmenbedingungen sind jedoch eher die Spielregeln. Durch sie erhält der Prozess gemeinsame Nenner und setzt dem Spiel gezielt Grenzen. Das entspricht allen Vorgängen im Leben der Einzelnen wie auch von Institutionen. Das unbeschriebene Blatt gibt es nicht. KirchGemeindePlus hat ein voll beschriebenes Blatt erhalten. Die Rahmenbedingungen heissen:

Jeder Bezirk hat in den vergangenen zehn Jahren eine Gemeinde verloren, im Bezirk Meilen ist es eine in der Grösse von Männedorf, im Bezirk Bülach eine wie Embrach, in Horgen entspricht sie Richterswil und Schönenberg zusammen… Was bedeutet dies für die Reformierten? Wonach ruft diese Rahmenbedingung?

Der Nachwuchs für das Pfarramt und die Sozialdiakonie ist klein, in der Kirchenmusik gegen Null. Behörden können nicht überall mehr besetzt werden. Was bedeuten diese Lücken, die in allen Kantonen und andern Ländern mit evangelischen Kirchen zu vermerken sind? Wonach rufen diese Lücken als Kirche?

Mit Blick auf die vorhandenen Ressourcen wird deutlich: es stehen Jahr um Jahr weniger Mittel zur Verfügung. Die Bedingungen verändern die Möglichkeiten und erfordern neue Lösungen. Kirchenleitung und Kirchensynode sind gefordert, verlässlich und transparent zu informieren, damit langfristig geplant, investiert und gespart werden kann. Im Idealfall finden theologische Verantwortung und finanzpolitisches Kalkül zu einem guten Kompromiss. Im schlechteren Fall haben sich die Partner verkalkuliert.

Welche Rahmenbedingungen gelten für alle und was sprengt den Rahmen des Möglichen? Wie können wir unseren Rahmen ausweiten?


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Reformation und Reform

visionär und pragmatisch

Uns prägt eine Vision. Das ist eine Kirche, die nahe, vielfältig und profiliert ist. Aber diese Vision ist auch schon Realität. Das kirchliche Leben in unseren Gemeinden und Institutionen ist geprägt durch feinmaschige Netze; sie gewährleisten Nähe. Was Vielfalt heisst, haben uns im Jahr 2016 eindrückliche Pfingsttage gezeigt: Miteinander kooperierende Kirchgemeinden haben sie in unterschiedlichen Regionen gestaltet und gefeiert. Und an diesen Anlässen hat es auch nicht an profilierten Köpfen aus Kirche und Zivilgesellschaft gefehlt.

Wir leben in grossen Wandlungsprozessen: Pluralisierung, Mobilisierung, Individualisierung, Globalisierung, Digitalisierung. Die Frage ist: Wie kann die  Kirche auch in dieser angebrochenen Zukunft nahe, vielfältig, profiliert bleiben? Das Projekt KirchGemeindePlus stellt sich dieser inhaltlichen Herausforderung. Dabei geht es aber immer auch ganz praktisch um Strukturen und deren Reform. Als Reformierte sind wir visionär und pragmatisch zugleich.

Reformation und Reform

„nahe, vielfältig und profiliert“. So soll die Kirche der Zukunft bleiben und neu werden. Die Legislatur 2016 – 2020 steht unter diesem Titel: „Kirche der Zukunft – nahe, vielfältig und profiliert“. Und so war die Kirche schon zur Zeit der Reformation: Sie hat den nahen Gott wieder entdeckt, die Nähe zum Volk gesucht und ihm „aufs Maul geschaut“. Ihr allgemeines Priestertum ist eine Aufforderung zur Vielfalt. Und die reformierte Ahnengalerie profilierter Frauen und Männer ist erschlagend.

Die Vorgeschichte der Reform „KirchGemeindePlus“ beginnt mit der Reformation. Ecclesia semper reformanda ist ihr Ruf. Er trifft den Inhalt und die Form, unser Herz und unsere Strukturen.

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Wenn ein paar Menschen, die an einer Gemeinde, an einem System oder an einer Organisation beteiligt sind, feststellen: was wir tun und wie wir es tun, entspricht nicht mehr dem, was möglich ist, was sinnvoll, was gefragt und was zukunftsweisend ist, dann kann dies zu einer Reform führen. Zwar sprechen zuerst nur wenige davon, denn man besinnt sich darauf, woher man kommt, wie man dasteht und wohin man gehen will. Doch schon das sind Ansätze einer Reform. Wie gross oder wie gering sie sein wird, entscheiden ohnehin erst nachfolgende Generationen.

Salopp übersetzt mein Reform auf die Kirche übertragen: Die Kirche wieder in eine geeignete Form bringen. Und weil Kirche immer im Dialog zwischen Menschen und Gott und Institutionen und Gesellschaft und Veränderung geschieht, kann niemand eine Reform allein führen oder gar durchführen, geschweige denn befehlen. Reformen haben sich immer auf zahlreiche Schultern gestützt. Eine Landreform kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten bereit sind, das Land zusammenzulegen und neu zu verteilen: das ist Melioration, eine Verbesserung. Wie eine Verbesserung erreicht werden kann, das müssen die Beteiligten erkennen, entwickeln, aushandeln, überprüfen, in die eigene Situation übertragen und andere damit anstecken.

Nach 1815 begannen zuerst Kirchgemeinden, später dann auch politische Gemeinden, sich neue Formen zu geben. Damit wurden die Fundamente gelegt für die Jahrzehnte später entstehende Volkskirche als öffentlich-rechtlich anerkannten religiösen Organisation. Vor wenigen Jahren hat der Regierungsrat die Kirchen in ihre Selbständigkeit entlassen; das war eine Reform und hat nun den Bedarf einer weiteren Reform ausgelöst. Die gegenwärtige Herausforderung besteht darin, den notwendigen Prozess als Konzentration der Kräfte zu verstehen. Es ist die Herausforderung eines intelligenten Umbaus! Weniger leisten zu können, lässt sich auch als Entlastung davon begreifen, nicht mehr alles leisten zu müssen. Und gleichwohl: Ohne etwas aufzugeben, packt man die Aufgabe der Reform nicht! Wenn es gelingt, innovativ abzubauen, steigt die Möglichkeit, kreativ aufzubauen.

Reform ist beides – eine Bewegung zu den Quellen und eine Bewegung in die Zukunft. Wie lassen wir uns auf eine Wechselbewegung ein? Dann kann sich ein Trauermarsch von Klagenden in ein gemeinsames Tanzen verwandeln.


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Ein Grossverteiler wirbt: „Aus der Region – für die Region“ und meint damit: Nah bei den Produzierenden und bei Kundinnen und Kunden. Region meint weder Dorf noch Kanton; sie bezeichnet die mittlere Reichweite. Doch wovon? Da leben wir, arbeiten wir, geniessen Kultur, engagieren uns im Gemeinwesen, treiben Sport, singen in Chören und gehören zu einer Kirchgemeinde.

Die Region ist zu klein, um das Ein-und-Alles zu sein, und sie ist zu gross für einen Schwatz gleich um die Ecke. Aber sie steht für Verbindungen und für Beziehungen. Je weiter die Menschen von ihrer Region entfernt sind, um so mehr bekennen sie sich zu ihr. Ich bin Weinländerin – ich bin aus dem Säuliamt. Und dennoch hat Region weniger mit Territorialität zu tun, als mehr mit Lebensraum und Vitalität. Nicht die Fläche macht eine Region aus, sondern die Lebendigkeit.

Vier Qualitäten prägen eine Region vital:
1 Geologische Qualität, schicksalhaft von der Natur vorgegeben: Höhenzüge formen Talschaften, Flüsse bilden Klimazonen etc. Geologie schafft einfache und erkennbare Regionen. Frage: Welche Regionen sind bei uns natürlicherweise gegeben?
2 Soziale Qualität, absichtsvoll von Menschen erarbeitet: Arbeitsstellen, Freizeitanlagen, Vereine, Geschäfte erzeugen Rayons. Sozialverhalten schafft einen Aktionsradius, den viele teilen. Frage: Welche Regionen bestehen durch soziale Bewegungsräume?
3 Mentale Qualität, historisch über Generationen verinnerlicht: Wyländeri oder Seebueb, Züriberg oder Chreis Chaib, man ist von wo. Dialekte, Bräuche, Geschichten, Ereignisse, Köpfe schaffen Prägungen. Frage: Wie verbinden sich die Andersartigkeiten von andern mit der Eigenartigkeit von einem selbst?

4 Politische Qualität, demokratisch und juristisch gesichert: Politik und Verwaltung schaffen steuerbare Territorien mit Zuständigkeiten. Gemeinde, Bezirk, Kanton bilden einen Aufbau mit dem Bezirk als Region. Frage: Welche Regionen sind identisch mit administrativen Bezirken?

Wie schaffen wir es, uns mit den Menschen so zu bewegen, wie sie es auch ohne uns tun? Das bedeutet: Region ist für die Kirche eine menschenbezogene Grösse.

In welcher Region lebt unsere Kirchgemeinde? Welche Qualitäten kennzeichnen diese Region? Wie gestalten wir Region, damit sie zur Gemeinde wird?


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Regionalisierung ist ein Prozess. Er ist seit Jahrzehnten im Gang, zum Beispiel durch spezielle Einrichtungen wie Krankenhäuser, Möbelhäuser, Geburtshäuser, Ärztehäuser… Die Bedeutung heutiger Gemeinden verändert sich; und sie sind nicht natürlichen Ursprungs, sondern haben sich gebildet durch politische Entscheidung. Damals war die Regionalisierung die Entwicklung vom Gehöft oder vom Weiler hin zur heutigen Gemeinde. Heute ist es die Entwicklung zur Region. Und es sind immer die Menschen, die es entwickeln, manchmal unter Druck, aber immer mit dem freien Willen, das zu Entwickelnde selbst zu gestalten.

Der gemeinsame Wille kann konservativ heissen: Man versteht den Bezirk politisch als Region. Man löst alle Gemeinden des Bezirks teilweise oder ganz auf und bildet eine regionale föderale Gemeinde. Man überträgt viele oder alle Funktionen auf diese neue Gemeinde.

Der gemeinsame Wille kann progressiv heissen: Man erarbeitet in einem Prozess eine sozial qualifizierte Region. Jede Gemeinde hat ihre Aufgabe für ihren Raum; jede Gemeinde übernimmt Aufgaben für das Ganze. Das ergibt Vitalität, Austausch, Verbindung und Profil. Was ist im Dorf und Weiler wichtig? Was entwickelt man zwischen zwei, drei, vier, fünf Dörfern? Was löst man gemeinsam als Region, vielleicht auch über Bezirksgrenzen hinweg?

Weiler, Dorf, Region, Bezirk, Kanton sind Lebensräume mit Wechselwirkungen. Das Bezugssystem müsste entwickelt werden; denn es ginge um eine neue Form, sich als Gesellschaft zu bilden.

Wie wagen wir es, ohne vorauseilende Zensur im Kopf, progressi­v bis zur bestmöglichen oder auch heute undenkbaren Wende durchzudenken und durchzurechnen, um dann das Beste zu entdecken, das allen zum Guten gereicht?


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Subsidiarität ist eine eigene reformierte Entwicklung! 1571 hat die Synode von Emden es für das Kirchenrecht formuliert: Die Kirchensynode solle nur behandeln, was Kirchenpflegen nicht entschieden haben oder entscheiden können, was alle Teile der Landeskirche gleichermassen angeht. 1602 hat der reformierte Althusius den Grundsatz für die Politik formuliert: Auch die politische Gemeinde sei im Fall eigener Unzulänglichkeit auf Unterstützung von oben angewiesen, wie in der Bibel aber Teil eines Bundes aus gleichberechtigten Teilen.

Subsidiarität meint also: Was im Kleinen nicht getan werden kann, wird dem nächst Grösseren anvertraut. Dies wahrt die Selbstbestimmung und fördert die Eigenverantwortung. Sie ist fundamental in föderalen, also am Bund orientierten Staaten.Ethisch ist sie ein tragendes Element in der sozialen Marktwirtschaft. In der Schweiz prägt sie die bottom-up-Struktur des politischen Systems, von unten nach oben. Unser Land und unsere Gesellschaft ticken grundlegend subsidiär: Was der kleinere Bereich gut löst, muss der grössere nicht lösen. Wo der kleinere nicht weiter kommt, unterstützt ihn der grössere.

Subsidiarität ist ein Grundsatz der Vernunft, nicht der Willkür. Sie ist eine demokratische Konvention, kein nice to have. Sie schützt die Verantwortung, nicht die Autonomie. Sie will Probleme lösen, nicht Bestände wahren. Was die Probleme sind, was eine Gemeinde leisten kann und was nicht, das muss sie regelmässig überprüfen. Das genau ist ein Prozess, ein Voranschreiten im Erkennen, wozu man imstande ist für die kommenden Jahre und wozu nicht. Es kann dabei durchaus sein, dass sich dadurch Grenzen verschieben, Räume der Verantwortung grösser oder kleiner werden. Die Gemeinde ist keine heilige Grösse, sondern eine Konstruktion der Geschichte. Geschichte schreibt man bekanntlich immer wieder neu.

Welche der anstehenden Probleme können wir aus eigener Kraft gut lösen und wo fühlen wir uns unzulänglich ausgerüstet, sind auf Unterstützung angewiesen?


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Im Mittelalter galt lange das Prinzip der Präsenz: Entscheidend war, bis wohin der Arm von König oder Bischof reichte. Darum war der Herrscher oft in seinem Reich von Pfalz zu Pfalz unterwegs. Zeigte er keine Präsenz, war ihm auch sein Reich und demzufolge seine Reichweite nicht sicher. Mit der Kolonisierung der neuen Welt galt neu das Prinzip der Territorialität. Die Welt wurde zwischen den Herrschermächten aufgeteilt; Spanien und Portugal machten es in Südamerika vor, andere folgten in Afrika und Asien. Die Welt wurde vermessen und dank neuen Techniken, Verwaltungen, Märkte und neuer Kartographie die Territorialität zum Prinzip von Reich, Land, Bezirk und Gemeinde.

Eine andere Form pflegten die Alemannen; sie nutzten jene Felder und Landstriche, die sie für ihren Bedarf benötigten; zwischendurch blieb ein Feld unbestellt und lag brach. Dadurch war eine Vielfalt von Kulturland möglich. Dieses Prinzip ist typisch für weite Landstriche in der Schweiz. Wo indessen Parzellen und Kataster definiert wurden und auf die Tradition von Brache und Allmend stiessen, kam es zu Konflikten. Im Raum Einsiedeln ist dies heute noch zu beobachten; und Geschichten wie jene vom Marchelauf zum Urnerboden zeugen von genau diesen Unterschieden.

Bis 1803 hatte Zürich eine reformierte Staatskirche. Bis 1848 wurde territorialer Kirchenbesitz eingezogen und säkularisiert. Bis 2009 verschwanden die Historischen Rechtstitel auf dieses Eigentum. Unverändert ist bei vielen aber das Bewusstsein der Territorialität: Unterstrichen durch die helvetische Struktur von unten nach oben. cuius regio eius congregatio: Das ist das Grundmuster. Die Kirchgemeinde ist so territorial wie die Bürgergemeinde. Die Gemeindearbeit so autonom wie möglich. Längst aber ist Territorialität nicht mehr allein ausschlaggebend. Die Bewegungsräume sind heute individuell und interessenbestimmt. Das Territorium definiert nicht mehr den persönlichen Rayon. Den Dorf-Arzt, den Dorf-Lehrer gibt es nur noch in der Minderzahl. Mobilität, Medialität und Interdisziplinarität setzen sich über Grenzen hinweg und setzen neue Räume frei.

Territorial sind die Fragen der Kirche heute nicht mehr zu lösen! Aber jede Lösung muss sich auch territorial bewähren können! Die Region mit ihrer mittleren Reichweite entgrenzt bisherige Territorialität - ohne Dorffürsten oder Pfalzgrafen. In ihr bilden sich die immer erneuernde Präsenz und Reichweite von Menschen als Gesellschaft, solcher, die kirchliche Mitglieder sind, solcher, die es werden.

Was verlieren wir, was gewinnen wir, wenn die Territorialität zwar bleibt, aber die Gemeinde Aufgaben für die Region übernimmt? Was, wenn die Region ins Dorf kommt, über die Gemeinden hinweg? Was wenn die Gemeinde die Grösse von Mobilität und Interdisziplinarität annimmt und den Bezirk ablöst?


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Vision unserer Kirche

Kirche für andere – Kirche mit andern – Kirche durch andere

«Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist», schrieb Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis. Das gilt auch über 70 Jahre später. Die Kirche stirbt in ihrem eigenen Gefängnis, wenn sie nur um sich selber kreist. Und sie lebt, wenn sie über sich hinausgeht.

Wenn sich die Zürcher Landeskirche im Projekt KirchGemeindePlus zurzeit intensiv mit ihren Strukturen befasst, so geschieht das gerade nicht um ihrer selbst willen, sondern damit sie «mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrer ganzen Seele und mit all ihrer Kraft» Kirche für andere sein kann. Darum ist 2013 das Jahr, in welchem neben KirchGemeindePlus auch die Umsetzung des Zürcher Diakoniekonzepts initialisiert wurde. Das Profil der Kirche, die für andere Sorge trägt, soll gestärkt werden – nicht zuletzt auch mit Hilfe der Einnahmen aus der Besteuerung der juristischen Personen.

Seit den 1970er Jahren ist die «Kirche für andere» jedoch in die Kritik geraten. Wirkt sie zu paternalistisch von oben herab? Hält sie abhängig, statt zu befreien? – Kirche im Sinne von Jesus Christus lebt auf Augenhöhe, wie es sich in seinen Mahlgemeinschaften zeigte. Jesus ass und trank mit Menschen sowohl aus Hütten wie auch aus Palästen und von Angesicht zu Angesicht. Ein Tischgelage, ein Gastmahl, eine Tafel: Sie sind horizontal.

Diakonische Kirche auf der Höhe Jesu und auf der Höhe der Zeit und mündiger Zeitgenossenschaft ist für andere da, indem sie mit ihnen ist. Sie pflegt eine Kultur der Gegenseitigkeit, der Partnerschaft, der Teilgabe, Teilnahme und Teilhabe. Diakonische Kirche versteht sich nicht als Betrieb der «Sozialindustrie  » mit Angeboten für andere, sondern als Gemeinschaft, die Menschen in ihrer ganzen Vielfalt, mit ihren Stärken und Schwächen umfasst und verbindet. Aus dem «für andere» soll ein «Miteinander und Füreinander» werden.

Was für die diakonische Kirche gilt, kann Beispiel sein für die Entwicklung der Kirche überhaupt. Das «für» verändert sich: Die Kirche betreut nicht pastoral die «Schäfchen», sondern sie ist als gute Gastgeberin punktuell und situativ für die Menschen da. Und die Kirche ermächtigt ihre Mitglieder – besonders jene, die sich engagieren wollen –, ihre je eigenen Gottesgaben und Gotteserfahrungen in die Gemeinschaft einzubringen und so mitzuhelfen, diese weiterzuentwickeln. Aus der Verbindung von Traditionellem und Aktuellem entsteht auf diese Weise je Neues. Statt maternale Umsorgung oder paternale Bevormundung leistet Kirche «Hebammendienst».

Die Vision der Kirche ist:

profiliert für andere, unterwegs mit anderen und vielfältig durch andere.

Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern enthält diese drei Dimensionen:

Jesu Vermächtnis: mit meinem Leib und Blut für Euch –

Jesu Gastfreundlichkeit: am gleichen Tisch mit Euch –

Jesu Ermächtigung: Die Arbeit am Reich Gottes geht weiter durch euch.

 

 

Zürich, März 2015, Pfr. Michel Müller, Kirchenratspräsident

 

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