Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
Sektionen
Sie sind hier: Startseite Glossar Territorialität

Territorialität

Reichweite zeigt, wie weit ein Reich reicht. Territorialität erhebt Ansprüche über andere. Zu recht?

Im Mittelalter galt lange das Prinzip der Präsenz: Entscheidend war, bis wohin der Arm von König oder Bischof reichte. Darum war der Herrscher oft in seinem Reich von Pfalz zu Pfalz unterwegs. Zeigte er keine Präsenz, war ihm auch sein Reich und demzufolge seine Reichweite nicht sicher. Mit der Kolonisierung der neuen Welt galt neu das Prinzip der Territorialität. Die Welt wurde zwischen den Herrschermächten aufgeteilt; Spanien und Portugal machten es in Südamerika vor, andere folgten in Afrika und Asien. Die Welt wurde vermessen und dank neuen Techniken, Verwaltungen, Märkte und neuer Kartographie die Territorialität zum Prinzip von Reich, Land, Bezirk und Gemeinde.

Eine andere Form pflegten die Alemannen; sie nutzten jene Felder und Landstriche, die sie für ihren Bedarf benötigten; zwischendurch blieb ein Feld unbestellt und lag brach. Dadurch war eine Vielfalt von Kulturland möglich. Dieses Prinzip ist typisch für weite Landstriche in der Schweiz. Wo indessen Parzellen und Kataster definiert wurden und auf die Tradition von Brache und Allmend stiessen, kam es zu Konflikten. Im Raum Einsiedeln ist dies heute noch zu beobachten; und Geschichten wie jene vom Marchelauf zum Urnerboden zeugen von genau diesen Unterschieden.

Bis 1803 hatte Zürich eine reformierte Staatskirche. Bis 1848 wurde territorialer Kirchenbesitz eingezogen und säkularisiert. Bis 2009 verschwanden die Historischen Rechtstitel auf dieses Eigentum. Unverändert ist bei vielen aber das Bewusstsein der Territorialität: Unterstrichen durch die helvetische Struktur von unten nach oben. cuius regio eius congregatio: Das ist das Grundmuster. Die Kirchgemeinde ist so territorial wie die Bürgergemeinde. Die Gemeindearbeit so autonom wie möglich. Längst aber ist Territorialität nicht mehr allein ausschlaggebend. Die Bewegungsräume sind heute individuell und interessenbestimmt. Das Territorium definiert nicht mehr den persönlichen Rayon. Den Dorf-Arzt, den Dorf-Lehrer gibt es nur noch in der Minderzahl. Mobilität, Medialität und Interdisziplinarität setzen sich über Grenzen hinweg und setzen neue Räume frei.

Territorial sind die Fragen der Kirche heute nicht mehr zu lösen! Aber jede Lösung muss sich auch territorial bewähren können! Die Region mit ihrer mittleren Reichweite entgrenzt bisherige Territorialität - ohne Dorffürsten oder Pfalzgrafen. In ihr bilden sich die immer erneuernde Präsenz und Reichweite von Menschen als Gesellschaft, solcher, die kirchliche Mitglieder sind, solcher, die es werden.

Was verlieren wir, was gewinnen wir, wenn die Territorialität zwar bleibt, aber die Gemeinde Aufgaben für die Region übernimmt? Was, wenn die Region ins Dorf kommt, über die Gemeinden hinweg? Was wenn die Gemeinde die Grösse von Mobilität und Interdisziplinarität annimmt und den Bezirk ablöst?