Kreativ umgenutzt: Vom Pfarrgarten zum Labyrinth

Hühner, Ziegen und Schafe weideten einst im Thalwiler Pfarrgarten. Daraus ist eine märchenhaft-verwunschene Begegnungsstätte entstanden.

Die Mitte des Pflanzenlabyrinths Thalwil

Einen Pfarrgarten als Labyrinth umzugestalten, tönt attraktiv. Pfarrer Jürg-Markus Meier führt hinter die Kulissen: Er erzählt von den Anfängen, den Mühen und Freuden, den Ort zu erhalten und von Zukunftsplänen.

Als Besinnungsort, zum Gärtnern und für ein gutes Miteinander – dafür wurde das Labyrinth erschaffen. Es liegt in einer Wohngegend, etwa zehn Minuten vom Bahnhof Thalwil bergaufwärts, verborgen hinter Sträuchern und einem unscheinbaren Gatter. Ob Tiere, Kinder, Quartiersbewohner, Gemeindeglieder oder Leute, die für ihre Mittagspause ein schattiges Plätzchen suchen – sie alle heisst die Ökumenische Labyrinth-Gruppe, die das Labyrinth nun bewirtschaftet, willkommen.

Collage Juni 2019: Wer sich der Mitte nähert und meint, er oder sie sei gleich da, irrt sich sehr. Die „Abkürzungen“ sind nur für Gartenarbeiten gedacht.

Anfängliche Anstrengungen

Ursprünglich war das Grundstück der Pfarrgarten zum angrenzenden Pfarrhaus. Als der damalige Pfarrer pensioniert wurde, debattierten Kirchgemeinde und Quartiersbewohner über die weitere Nutzung. Im Gespräch war beispielsweise der Bau eines neuen Gemeindehauses. Für dieses wurde jedoch ein geeigneterer Ort gefunden.

1997 machten sich Menschen der ökumenischen Frauengruppe, des Natur- und Vogelschutzvereins, des ehemaligen Ökoforums Thalwil und des Verschönerungsvereins daran, den verwilderten Garten zunächst in ein Wiesenlabyrinth zu verwandeln. Erst nach und nach wuchs das Pflanzenlabyrinth, auch dank Pflanzenspenden wie Rosenstöcke und Obstbäume.

Vom Arbeiten …

Heute hegen etwa zwanzig Freiwillige ihre Parzellen im Labyrinth, unterstützt von einem Gärtner, der wöchentlich für einen Tag kommt. Diesen zahlt derzeit die reformierte Kirche. Die katholische und die reformierte Kirche zahlen zudem Beiträge in die gemeinsame Kasse. Daraus werden kleinere Anschaffungen für den Unterhalt finanziert. Im Frühjahr und Herbst packen alle für grössere Arbeiten an.

Das erste Wiesenlabyrinth 1997

Daten und Fakten

  • Das Thalwiler Labyrinth entspricht dem antiken Typ von Kreta. Mit Kreta verbindet sich die griechische Sage von Theseus und dem Minotaurus.
  • Die Weglänge des Labyrinths beträgt 201 Meter, der Durchmesser 21,6 Meter. Das gesamte Grundstück ist 1600 Quadratmeter gross.
  • Wer mehr über die Anfänge wissen möchte: Dieser Artikel (PDF) zum Labyrinth Thalwil erschien 1998 im forum.

Wie viele Stunden die Freiwilligen so im Labyrinth verbringen, zählen sie nicht. Sie eint die Freude am Gärtnern und der Wunsch, den Ort zu erhalten. Dafür nehmen sie auch die Verpflichtung auf sich, regelmässig nach ihrer Parzelle zu sehen.

Allerdings: Das sich heute immer weniger Menschen auf ein regelmässiges Engagement einlassen wollen, merken sie. Deshalb gehen sie beispielsweise auf neu Hinzugezogene zu – mit Erfolg. Eine Familie, die sich gerade in Thalwil niedergelassen hat, macht bereits mit.

… und vom Feiern

Unterjährige Veranstaltungen sind die monatlichen Umgänge des Labyrinths und die „Teileten“ anlässlich der Jahreszeitenfeiern (jeweils am 21. Tag der Monate März, Juni, September und Dezember). Dazu kann kommen, wer möchte – auch Leute, die nicht gärtnern. Ein offizielles Miteinander ist die jährliche Versammlung, an der unter anderem das kommende Jahr geplant wird. Zudem lädt die reformierte Kirchgemeinde alle Freiwilligen jährlich zum Dankesessen ein. „Beim Feiern pflegen wir“, so Pfarrer Jürg-Markus Meier, „eine offene Spiritualität, die sich am Leitwort von der Bewahrung der Schöpfung orientiert. Häufig singen wir ein bis zwei Lieder aus dem Gesangbuch, ich lese einen Psalm vor und wir beten etwas.“

Zukunftspläne

Pfarrer Jürg-Markus Meier: „Wir möchten in den kommenden Jahren das Labyrinth in Schulen, Kindergärten, Krippen und Seniorenheime in Thalwil und den umliegenden Gemeinden bekannter machen. Eine Arbeitsgruppe wurde dafür letztens eingesetzt. Der Garten bietet sich beispielsweise für verschiedene Unterrichtsfächer an – Kinder könnten hier die Vielfalt der Pflanzen kennenlernen und auch erleben, was ein (Weg-)Symbol bzw. ein religiöses Symbol ist.

Zuletzt: Zwar diskutiert die Kirchenpflege mitunter über alternative Nutzungen dieses Grundstücks. Doch leichtfertig will die reformierten Thalwiler Kirchgemeinde die jetzige Nutzung nicht preisgeben. Solange es eine Gruppe von Freiwilligen gibt, die das Pflanzenlabyrinth trägt, wird dieser schöne Ort wohl weiter existieren.“

Tipps für Kirchgemeinden, die Ähnliches vorhaben

„Wichtig ist, dass ein solches Projekt nicht von oben verordnet wird. Eine Gruppe an der Basis muss sich für das Labyrinth stark machen. Für eine solche Gruppe sollte es dann klar erkennbar eine Ansprechperson in der Kirchgemeinde geben, von der sie wahrgenommen, gehört und in ihren freiwilligen Arbeiten wertgeschätzt werden. Zuletzt: Kirchgemeinden, die ähnliches vorhaben, können sich gerne bei mir melden.“ Pfarrer Jürg-Markus Meier

Kontakt

Pfarrer Jürg-Markus Meier

Jürg-Markus Meier
juerg-markus.meier@kirche-thalwil.ch
Telefon Geschäft: 044 720 01 18
Alte Landstr. 86
8800 Thalwil

Wissenswertes rund um Labyrinthe

  • Labyrinth und Irrgarten sind nicht dasselbe. Ein Labyrinth besteht aus einem einzigen gewundenen Weg, der ohne Sackgassen bis in die Mitte führt. Ein Labyrinth ist ein Weg-Symbol, eines der ältesten Symbole der Menschheit.
  • Das Thalwiler Labyrinth ist ein kretischer Typ. Ein zweiter, mehr christlich interpretierter Typ findet sich in der Nähe von Paris, in der Kathedrale von Chartres. Das Fussboden-Labyrinth hat einen Durchmesser von 12 Metern. Wer dem Pfade bis zur Mitte folgt, legt fast 300 Meter zurück. Ähnliche Labyrinthe gibt es auch in den gotischen Kathedralen von Amiens und St. Quentin.
  • Der Welt-Labyrinth-Tag ist jährlich am ersten Samstag im Mai.
  • Das von der Stadt Zürich mitgetragene Gartenlabyrinth in Zürich  diente dem Thalwiler Labyrinth in seiner Gestaltung und Pflege lange als Vorbild.
  • Eine Sammlung von Labyrinthen in der Schweiz hält die Webseite „Labyrinth international“ parat. Einige davon liegen auf kirchlichem Gelände.
  • Wikipedia hilft u.a., verschiedene Labyrinth-Typen zu erkennen.